On Südpol

«Das ist ein magischer Moment»: Im Gespräch mit Lena Brechbühl und Milena Krstić

Mo, 23.02.2026

Ihr macht Soundtechnik und Sounddesign. Wie erklärt ihr Menschen ohne Kulturbetriebshintergrund euren Job?

 

Lena: Wenn mich jemand fragt, was ich mache, sage ich immer: Ich mache Sachen laut. Das ist die Kurzversion. Also wenn du an ein Konzert gehst, stell dir vor, dass eine Person singt, aber vor so vielen Leuten hört das ja niemand und deshalb braucht es mich, die das laut macht. Und dann denken die meisten: «Ja mega easy». Und dann denk ich: «Ja is schon ok, wenn du denkst, mein Job ist mega easy». Das erklär ich dann meistens nicht weiter.

 

Milena: Also jetzt in dem Fall für dieses Projekt sage ich einfach ich mache Musik für ein Theaterstück. Das ist glaube ich für alle verständlich. Sounddesign gefällt mir als Begriff im Zusammenhang mit unserem Projekt sehr, weil wir im Raum mit Stimme arbeiten und mit Performerinnen, die noch nie auf der Bühne gesungen haben. Ich designe also einen Klang für eine Gruppe. Und ich programmiere auch noch Musik dazu. Das Gesamtprodukt ist dann ein designter Sound, das finde ich eigentlich noch schön.

 

Euer Team von «togehterness – pleasure as resistance» besteht ausschliesslich aus FINTA* Personen. Wie kam eure Zusammenarbeit zustande? Kanntet ihr euch vorher?

 

Lena zu Milena: Ich wusste, wer du bist, aber wir haben uns noch nie kennengelernt und noch nie zusammengearbeitet. Aber ich hab mich mega drauf gefreut, dass es endlich mal soweit ist.

 

Milena zu Lena: Hast du die anderen vorher gekannt?

 

Lena: Auch nicht so wirklich. Beatrice kenne ich schon länger und habe auch schon mit ihr zusammengearbeitet. Isa kenne ich am besten und längsten, mit ihr habe ich schon mehrmals zusammengearbeitet in verschiedenen Konstellationen. Alle anderen kannte ich auch nicht.

 

Milena: Mit Daniela Ruocco habe ich schon zwei Produktionen gemacht und immer die Musik gemacht oder Vocals gecoacht. Sie hat mich in die Produktion geholt, ich kannte sonst keine ausser ihr.

 

Ihr wurdet also ganz regulär angefragt, ob ihr Bock habt, dabei zu sein?

 

Lena: Für mich ist das keine ungewöhnliche Situation, das läuft bei mir eigentlich immer so. Sonst arbeite ich als Tontechnikerin hauptsächlich mit Bands zusammen und weniger in Theaterprojekten. Deshalb ist das für mich voll normal, dass ich angefragt werde.

 

In der freien Szene gibt es ja auch viele langjährig bestehende Gruppen, wo seltener Menschen neu dazu kommen. In welchen Konstellationen arbeitet ihr sonst?

 

Milena: Ich war immer Solomusikerin. Mein eigenes Projekt hat immer Priorität, drumherum plane ich dann andere Projekte. Theaterprojekte mache ich zum Beispiel nur ein bis zwei im Jahr. Ich hab deshalb auch keine Stammgruppe.

 

Lena: Ich hab schon auch fixe Bands, mit denen ich seit Jahren schon unterwegs bin, wenn sie wieder auf Tour gehen. Aber mittlerweile bin ich auch mehr Fan davon, etwas projektbezogen zuzusagen.

 

Was macht ihr, wenn ihr nicht hier seid?

 

Milena: Mein Soloprojekt ist Milena Patagônia. Ich hab gerade zusammen mit DASHCAM*DEVI von Hatepop ein Album produziert und im Oktober soll es eine Tour geben. Das Album ist im Kasten, die Tour mit Band ist in Planung. Vielleicht sogar mit einem Chor, mal sehn, was drinliegt.

 

Lena: So geil!

 

Wie viele Menschen sind da involviert, die so eine Tour auf die Beine stellen?

 

Milena: Hauptsächlich ich selbst (lacht).

 

Lena: Du machst auch Vorproduktion, Booking, Release? Du hast kein Label?

 

Milena: Nein, das mache ich alles selbst.

 

Lena: Das ist krass, das ist krass viel Arbeit.

 

Milena: Es ist mega viel Arbeit. Ich würde auch gerne mit anderen Menschen zusammenarbeiten, aber ich habe das Pech, dass ich sehr gut organisiert bin. Ich habe einen Moneyjob einen Tag in der Woche und sonst habe ich Zeit für mein Soloprojekt. Bei der Finanzierung plane ich mich auch selbst als Arbeitskraft im Budget ein. Das ist mein Job. Ich gebe auch Workshops für Kulturfördergelder und deshalb bin ich quasi Expertin, also kann ich das auch selbst machen.

 

Lena: Was ist dein Moneyjob?

 

Milena: Ich hatte ein Mandat bei Sonart und habe lange an der Hochschule der Künste Bern die Ausleihe mitorganisiert. Und jetzt bin ich gerade am Empfang in einer Beratungsbude. Mega pragmatisch.

 

Lena: So gut, einen Moneyjob zu haben, wo man hingehen kann und den man dann aber auch da lässt, wenn man wieder nach Hause geht. Feierabend machen und heimgehen. Das geht leider nicht, wenn man selbstständig und die ganze Zeit erreichbar ist.

 

Milena: Es geht mir dabei vor allem um finanzielle Sicherheit. Ich bin nicht bereit, nicht zu wissen, ob ich die Miete bezahlen kann. Es macht mich auch nicht kreativ. Ich hab diesen Moneyjob, da geh ich am Montag oder Mittwoch hin, das lässt sich mit meinen Projekten vereinbaren und ich hab auch bewusst danach gesucht, was zu machen, was mich nicht okkupiert.

 

Lena: Das klingt so entspannt.

 

Willst du auch einen Moneyjob?

 

Lena: Ich habs mir auch schon überlegt, aber jetzt gerade bin ich gut ausgelastet mit den Jobs, die ich habe. Klar ist meine Lage finanziell instabil, weil Arbeitsauslastung und Einkommen jeden Monat unterschiedlich sind. Es ist so willkürlich, wieviel Geld ich für unterschiedliche Projekt bekomme. Mittlerweile gibt es von Sonart ja auch Gagenempfehlungen für Bandmusiker*innen, die live auftreten, und ich werde meistens wie eine Musikerin bezahlt. Aber es ist immer noch willkürlich und ich kann immerhin sagen, dass ich davon nicht abhängig bin. Dass ich mich diesen Schwankungen anpassen kann, weil ich meine Leben finanziell so eingerichtet habe, dass ich easy am Existenzminimum leben kann.

 

Aber das sollte ja nicht der Normalzustand sein in diesem selbstausbeuterischen, prekären System…

 

Lena: Total, aber dafür kann ich frei entscheiden, wie ich arbeiten will. Ich hätte die Möglichkeit, mir eine Festanstellung zu suchen. Aber das will ich momentan gar nicht.

 

Wie seid ihr in eurem Berufsalltag in der Regel in das Zusammensein involviert? Wie definiert ihr eure Rolle und Funktion in Teams?

 

Lena: Ich bin eine ziemliche Eintagsfliege, was das anbelangt. Ich hab häufig Tagesjobs. Auch wenn ich mit Bands auf Tour bin, fängt der Arbeitstag morgens an, aber nach dem Konzert ist das Tagesprojekt dann auch abgeschlossen. Ich fange nicht jeden Tag wieder bei Null an, aber immer wieder von Neuem, weil die Bedingungen an allen Orten immer ein bisschen unterschiedlich sind. Aber ich mache auch Vorproduktion, wo es um die die ganze technische Planung von einer Tour geht. Dazu kommt natürlich noch die ganze Buchhaltung wegen der Selbstständigkeit. Momentan habe ich noch einen zusätzlichen Bürojob. Letztes Jahr habe ich den Verein Changeover mitgegründet, eine Vereinigung von FINTA* Techniker*innen von Ton, Licht und Backline. Wir vernetzen FINTA* Techniker*innen in der ganzen Schweiz, organisieren Workshops und machen Aufklärungsarbeit. Wir haben letztes Jahr viel Aufbauarbeit geleistet, bisher mehrheitlich unbezahlt, aber das wollen wir jetzt auch ändern. Das heisst ich bin gerade dabei, mir meinen eigenen Büro-Brötli-Job zu schaffen.

 

Inwiefern unterscheidet sich die «togetherness» in diesem Projekt von anderen? Ist die Zusammenarbeit in diesem Projekt eine andere oder ist es eigentlich so wie immer?

 

Milena: Für mich ist es gar nicht so wie immer. Meine erste Erfahrung mit Theaterarbeit war eher hierarchisch. Das ist hier überhaupt nicht so. Hier wird alles gemeinsam entschieden. Wir schauen sehr gut zueinander und schauen, was braucht grad wer, damit wir gut arbeiten können. Da werden immer alle Bedürfnisse abgeklärt. Wir sind eine sehr konsensorientierte Gruppe.

 

Lena: Ich kann mich dem nur anschliessen. Es ist schon sehr auffallend, wie rücksichtsvoll man miteinander sein kann. Was ja eigentlich immer und überall selbstverständlich sein sollte. Da hinterfrage ich mich dann schon auch selbst und wundere mich, was ich sonst noch so für Projekte mache. Aber ich befinde mich sonst im Berufsalltag auch in viel stressigeren Situationen, wo es häufig drum geht, am Ende vom Tag ein Endprodukt zu präsentieren. In dieser Stücketwicklungsphase von TOGETHERNESS ist so viel Raum, wo es viel mehr auch um langfristiges Denken geht. Jetzt haben wir noch zwei Wochen, das ist voll viel Zeit für mich im Vergleich zu meinen üblichen Jobs. Dadurch hat das Rücksichtnehmen auch viel mehr Platz. Aber das ist eigentlich auch nur eine Ausrede und eine Frage der Priorisierung. Man kann auch in stressigen Arbeitsphasen rücksichtvoll miteinander umgehen.

 

Waren das rücksichtsvolle Zusammenarbeiten und das gleichwertige Einbringen eine Grundverabredung von Anfang an?

 

Milena: Ja voll, es war von Anfang an klar, dass wir uns selbst sehr stark einbringen dürfen und sollen. Es ging direkt um die persönliche Frage: What’s your pleasure? Wir haben alle erstmal selbstständig nach dem Motto gearbeitet, seit Oktober hatten wir dann Gespräche, Improvisationen und Try-Outs, immer wieder mit Pausen dazwischen. Auf der Grundlage habe ich immer wieder an meinem Material gearbeitet und es immer wieder neu angepasst.

 

Lena: Ich bin erst grad frisch im Januar dazugekommen.

 

Milena zu Lena: Und ich bin mega froh, dass du jetzt da bist, um technisch mitzudenken. Es kamen zum Beispiel Ideen zu ASMR oder Surroundsounds und es ist voll schön, eine Person an meiner Seite zu wissen, die das technisch auch umsetzen kann.

 

Was ist eure ganz persönliche «pleasure»?

 

Milena: Im Zusammenhang mit dem Stück ist meine pleasure, zu entdecken, wie Menschen ihre eigene Stimme entdecken. Die nicht gewöhnt sind, ihre Stimme zu gebrauchen. Was bisher vielleicht sogar mit einem Unwohlsein behaftet war. Und jetzt wird es plötzlich etwas Gemeinsames, sehr Kraftvolles. Das ist meine pleasure, das habe ich eigentlich nicht erwartet. Ich dachte, ich komme als Musikerin, die Musik macht für das Stück. Und jetzt bin ich Möglichmacherin. Ich kann Leuten helfen, ihre Stimme zu finden und zu erkunden. Das ist sehr befriedigend, ich gehe oft sehr glücklich und müde nach Hause. Das ist ein Privileg, so eine Arbeit machen zu können, die einen so erfüllt.

 

Lena: Du bist eigentlich Vocalcoach.

 

Milena: Ja, ich würde es in diesem Sinne aber niemals unterrichten wollen. Aber wenn es sich ergibt, wenn ich anderen das näherbringen kann und es ihnen hilft, hab ich Freude dran. Das ist ein magischer Moment. Das ist nichts, was ich zu meinem Job machen möchte.

 

Lena: Wir haben im Team natürlich drüber gesprochen, was pleasure für uns bedeutet. Wenn man es mit «Lust» übersetzt, ist es irgendwie immer direkt sexuell konnotiert. Aber pleasure ist ja auch einfach Freude oder Genuss. Meine persönliche pleasure ist mega banal und gar nicht stückbezogen: Wasser. Ich liebe es, Wasser um mich zu haben, im Wasser zu sein. Schwerelos sein, schwimmen. Ich könnte den ganzen Tag im Wasser sein, am liebsten nackt.

 

Welchen Ideen von pleasure seid ihr momentan auf der Bühne auf der Spur? Wo liegt der Fokus, wo geht die Reise hin?

 

Lena: Ich weiss noch viel zu wenig. Aber es wird auf jeden Fall Richtung sensual pleasure gehen.

 

Milena: Es wird darum gehen, pleasure physisch spürbar und erfahrbar machen. Aber nicht in einem sexuellen Zusammenhang, sondern zum Beispiel mit ASMR-Sounds.

 

Neben «togetherness» und «pleasure» geht es in eurem Projekt ja auch noch um «resistance». Was ist euer alltäglicher Widerstand?

 

Milena: Unsere pleasure ist ein Widerstand gegen das, was abgeht in dieser Welt. Darauf mit pleasure zu reagieren. Das ist ja auch eine privilegierte Position. Dessen ist sich das gesamte Team auch bewusst. Mein persönlicher Widerstand: Räume verlassen. Wenn ich gehen muss, weil ich den Zug erwischen muss oder weil ich schlafen muss.

 

Lena: Mein Widerstand ist: Nie mitlaufen. Immer hinterfragen, wieso Leute etwas machen. Mich von Sachen distanzieren, die ich eigentlich nicht will. Immer hinterfragen: Wieso mache ich das? Es gibt so viele Entwicklungen, bei denen Leute einfach so mitmachen, obwohl es einfach nur bescheuerte Trends sind. Da versuche ich hartnäckig zu bleiben. Vielleicht hat pleasure in diesem Zusammenhang auch was mit Genügsamkeit zu tun. Daran Freude zu haben, mit dem, was du gerade hast und dort, wo du gerade bist. Du musst nicht dran denken, was noch alles sein könnte oder was alles schlecht ist. Das ist schon fast Zen: Enjoy the moment, be yourself in the moment.

 

 

Premiere von «togetherness – pleasure as resistance» ist am 25. Februar, weitere Vorstellungen sind am 26. und 28. Februar.