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Eleonora Camizzi: Bilder im Kopf

Di, 04.11.2025
Von Südpol Kommunikation

Im Gespräch mit Eleonora Camizzi: Bilder im Kopf

 

“Bilder im Kopf” wird am 6. November im Rahmen des gesamtschweizerischen Formats “Let’s Doc!” in der Grossen Halle des Südpol Luzern gezeigt.

 

Tickets gibts HIER.

 

ZUM FILM

Tochter und Vater begegnen sich in einem weissen Raum. Ein unschuldiges Gespräch über einen Deal mit der Queen offenbart: In der scheinbaren Leere steht neben einer stigmatisierten Diagnose ein jahrzehntelanges Schweigen. Was als Befragung über die Vergangenheit beginnt, entwickelt sich zu einem aufrichtigen Dialog im Jetzt. Der Film hinterfragt die Grenzen von krank und gesund, richtig und falsch, fremd und vertraut und versucht eine Utopie Wirklichkeit werden zu lassen.

 

 

 

Bilder im Kopf ist dein Regie-Debüt – hat alles so geklappt, wie du es dir vorgestellt hast oder gibt es Dinge, bei denen du jetzt schon weisst, dass du das bei einer nächsten Regiearbeit ganz anders einplanen oder machen musst?
Witzig. Diese Frage wurde mir jetzt noch nie gestellt. Ich habe natürlich sehr viel gelernt – aber – wie soll ich sagen – doch, ich glaub schon, dass ich Vieles anders machen würde. Nicht weil Dinge falsch liefen, sondern viel mehr, weil ich mit diesem Film herausgefunden habe, welche Art vom Filmemachen mir Freude macht. Das wusste ich davor noch nicht. Ich glaube, dass der Film so persönlich ist und in gewisser Weise einfach aus mir raus musste, war eine extreme Chance dafür. Also würde ich bei einem nächsten Film Dinge sicher anders machen, aber sehr im positiven Sinne.

 

 

Wie schnell hattest du den Filmtitel? Oder war der sowieso schon klar?

Uiuiui. (lacht) Nein, das war ein «mega Murks». Ich habe wirklich so lange gesucht und bin sehr froh, dass mir dieser Titel am Schluss kam. Er ist sehr sprechend. Dass es ein Lied von Sido gibt, das den gleichen Titel trägt, hat mich dann kurz zögern lassen. Aber ich habe dann gefunden, ach, das ist doch okay. Ich finde sowieso, beim künstlerischen Arbeiten – wenn man zu arg darüber nachdenkt, was schon gemacht wurde, dann kann man gleich mit Arbeiten aufhören. Alles wurde auf eine Art schon mal gemacht. Aber schlussendlich hat ja jede Person wieder eine neue Perspektive auf die Dinge. Deshalb ist es so wertvoll, es trotzdem zu machen.

 

 

Vor fünf Jahren hast du dich entschieden, diese Geschichte zu erzählen. Du sagtest vorhin auch, der Film musste aus dir «raus». Gab es dafür einen ausschlaggebenden Moment?
Mit 20 habe ich angefangen, mich mit meinem Vater über uns und über die Diagnose zu unterhalten – was so vorher nicht stattgefunden hat. Der Prozess hat also nicht erst mit dem Film angefangen. Was ich sehr spannend fand ist, dass ich anfangs vieles genau wissen wollte, genaue Antworten kriegen wollte. Ich hatte das Gefühl, ich werde Frieden finden, wenn ich alles weiss. Ich habe dann aber gemerkt, dass der Wunsch nach einfachen und klaren Antworten – gerade beim Thema psychischer Gesundheit, das einfach sehr vage und individuell ist – nicht die Lösung ist. Und diesen Prozess habe ich dann versucht in dem Film wiederzugben.

Gerade mit dieser Diagnose, das ist so ein riesiges Fass – «was heisst Schizophrenie?» Und ja, Wissen hilft schon bis zu einem gewissen Grad, aber ich denke es ist sehr wichtig zu lernen und zu akzeptieren, dass gewisse Dinge im Unwissen bleiben. Wir leben in einer sehr rationalisierten Welt und wollen immer alles kategorisieren. Aber schlussendlich sind wir doch alles Individuen, die die Dinge aus einer anderen Perspektive betrachten. Ich bin sehr dankbar, dass ich gerade in der Beziehung mit meinem Vater gelernt habe: Ich muss loslassen und für mich eine Position finden, zu der ich stehen kann und die ich dann auch nach aussen trage. Nicht immer das Gefühl zu haben, alles verstehen zu müssen, sondern zu sich und seinen Gedanken zu stehen und dann in einen aufrichtigen Dialog zu treten. Und dann solche Ambivalenzen – mit etwas nicht einverstanden sein, und doch Liebe empfinden – auszuhalten.

 

 

Es hat sicher auch geholfen, beim Prozess des «Loslassens», diese Fragen überhaupt mal alle stellen zu können?
Genau, wie du sagst. Ich habe auch nicht auf alle Fragen eine Antwort erhalten. Aber sie zu stellen und mit diesen Fragen zusammen im Raum zu stehen hat geholfen. Zu wissen: Ich habe den Schritt gemacht – bzw. die Schritte, die ich konnte.

 

 

Was hättest du gerne früher gewusst oder gemacht – in Bezug auf die Diagnose, den Umgang damit und in der Beziehung mit deinem Vater?
Der Film ist mit dem Wunsch entstanden, die Thematik zu entstigmatisieren. Ich hatte immer das Bild im Kopf von einem kleinen Kind, das eine andere Geschichte erlebt, weil jemand im Umfeld den Film gesehen hat und dadurch einen anderen Umgang mit der Thematik an den Tag legt. Also mit einer Offenheit, denn Schweigen hinterlässt auch seine Narben. Ich persönlich bin aber ein Jetzt-Mensch und lebe nicht in der Vergangenheit. Und ich finde eine Aussage von meinem Vater im Film bringt es auf den Punkt: Es ist so, wie es ist.

 

 

Du hast das vorhin schon angesprochen. Dieses Kategorisieren – es ist ja leider so, dass viele, wenn nicht alle psychischen Erkrankungen in unserer Gesellschaft stigmatisiert sind. Hatte diese Stigmatisierung einen Einfluss auf die Beziehung mit dir und deinem Papa?
Ja, sehr. Total! Und ich bin unglaublich dankbar, dass wir das gemeinsam angehen konnten und mein Papa bereit war, sich damit auseinanderzusetzen – mit uns, mit sich. Es berührt mich sehr, dass er diesen Mut hatte.

 

 

Was meinst du, wie können wir dem als Gesellschaft entgegenwirken – mehr darüber reden? Mehr darüber erzählen?
Glücklicherweise verändert und entwickelt sich schon Vieles. Das Wissen im Umgang mit solchen Themen ist aber noch immer sehr begrenzt und ich wage zu behaupten, dass uns auch einfach der Wortschatz dazu fehlt. Schlussendlich ist es die Sprache, welche unsere Wirklichkeit definiert. Etwas sehr Kleines, aber ich finde es so bezeichnend – ist: Früher hat man von psychisch kranken Menschen geredet – heute redet man von Menschen mit einer psychischen Erkrankung. Darüber kann man auch diskutieren – krank / gesund – aber es geht um die Differenzierung, dass ein Mensch ein Mensch ist, mit ganz vielen Charakterzügen – und einer davon kann eine psychische Erkrankung sein, aber sie definiert den Menschen nicht. Solche Veränderungen können schon viel ausmachen.

 

 

Wie war es, vor der Kamera über solch persönliche Themen zu sprechen, und zu wissen, dass die Öffentlichkeit da mit eintauchen darf, in eure Beziehung? Hat das am Anfang vielleicht auch gehemmt?
Ich bin vor allem Editorin, heisst ich schneide vor allem Filme, und der Schnitt ist sehr mächtig in einem Film. Da wird entschieden, was dem Publikum gezeigt wird und was im Privaten bleibt und damit einher geht eine grosse Verantwortung. Aus diesem Grund habe ich mir nie Sorgen gemacht und konnte mich voll darauf einlassen. Es war ein grosses Geschenk, so fokussiert in diese Beziehung eintauchen zu dürfen. Auch das Setting, die Kameras – das alles war ein Katalysator für unsere Gespräche. Im Alltag hätte ich wahrscheinlich gar nicht den Mut gehabt, all die Dinge zu fragen. Der Raum dazu hätte gefehlt. Wir haben wortwörtlich einen Raum gebaut für diesen Film – aber man kann sich natürlich auch anders einen Raum schaffen für solche Gespräche.
Ich empfinde es als grosses Privileg, dass ich das als Teil meiner Arbeit machen durfte.

 

 

Gab es Gespräche, die ihr privat so noch nie geführt hattet? War dieser Film auch eine Chance für euch?
Ich glaube, alle Gespräche haben wir so konkret noch nie geführt. Ich habe natürlich im Vorfeld sehr viel mit meinem Papa geredet. Aber so tief reinzugehen, nachzufragen, dranzubleiben und sich nicht abwimmeln zu lassen – das wäre so nicht möglich gewesen. Mir war aber auch von Beginn an Bewusst: Mein Vater ist eine sehr spannende Figur, die durch den Film trägt. Ich wollte mich aber nicht darauf ausruhen, sondern wollte unsere Beziehung und meinen Umgang in den Vordergrund rücken. Ich habe mir selbst ein Konstrukt gebaut, in dem ich herausgefordert werde und nicht davonlaufen kann. Auch wenn ich manchmal sehr ausgewichen bin und mich emotional versteckt habe. Dort hatte ich aber auch meine Crew dabei, die immer wieder daran erinnerte: Hey, darüber wolltest du doch reden – warum stellst du diese Fragen nicht? In diesem Sinne war dieser Film eine unglaubliche Chance für mich. Aber auch für meinen Vater.

 

 

Wie hast du die Drehs und Fragen an deinen Vater vorbereitet?

Es gab einen strukturierten Drehplan – jeden Tag mit zwei Drehblöcken am Vormittag und Nachmittag. In den langen Pausen dazwischen konnten wir uns als Crew austauschten, was passiert ist, worüber noch geredet werden soll usw. Wir hatten drei Drehblöcke – konnten dann auch immer wieder Material sichten, wo wir dann merkten: Ah, in diese Geschichte, dieses Thema müssen wir noch tiefer eintauchen, auserzählen usw. Ja, diese Planung war eine sehr gute Entscheidung. Auch für meinen Vater – er wusste auch immer genau, welches Thema, welche Fragen, wann gedreht werden.

 

 

Wie hat es sich angefühlt, den Film auf der Leinwand an Filmfestivals, im Kino zu sehen und Auszeichnungen zu erhalten? Was hat das in dir ausgelöst? Und hast du Lust auf mehr?
Es ist natürlich sehr schön, wenn die eigene Arbeit solche Resonanzen erhält. Ich finde die Fragen sehr spannend. In einem Filmdossier muss auch immer bereits eine Auswertungsstrategie formuliert werden. Da greift man nach den Sternen und nennt so grosse Festivals wie Cannes, TIFF, Venedig, Berlinale – oder wie in unserem Fall das IDFA in Amsterdam, welches als grösstes Dokumentarfilmfestival der Welt gilt. Das war meine Traumvorstellung.  Und dann sind wir tatsächlich da in einem der beiden Hauptwettbewerbe gelaufen – ich meine, die haben 4000 Einreichungen und wir waren einer von 25 ausgewählten Filmen. Das ist eine riesen Ehre und einfach bis jetzt noch unfassbar für mich!

Natürlich kommt man auf den Geschmack – das kann man nicht leugnen. Zugleich befinden sich in meinem Postfach Absagen von unzähligen Festivals und jede einzelne löst doch auch wieder Zweifel aus… Der Grat von Dank- und Unfassbarkeit zu Zweifel und Selbstkritik ist und bleibt sehr schmal. Einen gesunden Umgang mit all dem zu finden, ist recht herausfordernd. Und es wird einfach auch sehr wenig darüber geredet, was das und die Aufmerksamkeit mit einem macht. Es ist auch sehr emotional und überfordernd. Es war wie ein Strudel – vor einem Jahr bei unserer Weltpremiere dachte ich: Jetzt wird’s ruhiger. Und dann ist es erst richtig losgegangen. In diesem Strudel fehlte einfach die Zeit und der Raum, um darüber nachzudenken, was eigentlich passiert ist, was ich alles erlebt habe und auch, was ich für die Zukunft will. Gerade, weil jetzt plötzlich so viele Türen offenstehen. Naja (lacht) im Dezember habe ich keinen einzigen Termin. Darauf freue ich mich sehr, einfach mal durchatmen.

 

 

Du bist in der Luzerner Kulturszene sehr aktiv – man sieht dich gefühlt überall. Wird es manchmal zu viel?
Ja schon, aber gleichzeitig gibt mir das alles auch sehr viel Energie. Wenn es jeweils losgeht, kommt die Euphorie, und ich finde das mega toll. Ich bin schon auch ein wenig am Abbauen und freue mich auch, mehr als Gast in der Kulturszene unterwegs zu sein. Aber mal schauen, wies weitergeht – (lacht) ich bin jedenfalls noch immer mit dabei.