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«Gute Beziehungen sind die Grundlage für gute Arbeit»: Wolfram Sander im Gespräch
Du bist jetzt seit einigen Tagen «im Amt» als neuer Spartenleiter der Darstellenden Künste. Steigen wir doch grad mit der grössten aller Fragen aus Frischs Fragebogen ein: Was erhoffst du dir?
Ich erhoffe mir offene Begegnungen mit vielen Menschen und dass ich die Erwartungen, die in mich gesetzt werden auf meine Art erfüllen kann. Dazu möchte ich gern ein paar neue, frische Dinge reinbringen, die grad nicht akut sind, die wir aber mit der Zeit gemeinsam herausfinden und weiterentwickeln können. Für mich selbst hoffe ich, dass ich hier ankomme und dass dies nach und nach mein Zuhause wird. Für meine Tätigkeit am Südpol wünsche ich mir einen langen Atem und das Denken in grossen Bögen und dass ich über die Zeit mit dem Haus, mit den Künstler*innen und dem Publikum vertrauensvoll und in gegenseitiger Wertschätzung zusammenarbeiten werde – und dass wir neugierig aufeinander bleiben.
Auf deiner Reise durch die Theaterwelt: Welche war deine wichtigste Station, die deine Arbeit und dein Denken am meisten geprägt hat?
Ich war für acht Ausgaben künstlerischer Produktionsleiter des Festivals «Theaterformen» in Hannover und Braunschweig. Dort hatten wir Gelegenheit, uns über einen langen Zeitraum innerhalb eines überwiegend gleichbleibenden Kernteams weiterzuentwickeln. Wir hatten eine zweijährige Prozessbegleitung durch das Institut für diskriminierungsfreie Bildung und haben in dieser Zeit viel von- und miteinander gelernt. Es ist fundamental, dass sich insbesondere internationale Festivals mit postkolonialen Diskursen auseinandersetzen. In der sehr kurzatmigen, eventhaften Festivallandschaft können Kontinuität und ein langer Atem extrem fruchtbar sein. Und wenn Leitung und Team an einem Strang ziehen, gehen alle gern zur Arbeit. Gute Beziehungen sind die Grundlage für gute Arbeit.
Bevor du Theater gemacht hast warst du Tischler. Was hast du in deiner Lehre gelernt, das dir heute noch weiterhilft?
Ich habe gelernt, dass es schön ist, etwas zu begleiten vom Anfang bis zum Ende. Es gibt eine Idee, einen Entwurf, man macht sich Gedanken, man projiziert etwas aus dem Nichts. Sich damit auseinanderzusetzen, dass immer etwas schief geht und dann zu improvisieren interessiert mich – diese Fähigkeit, auf Situationen zu reagieren und damit zu arbeiten ist mir wichtig. Darüber hinaus gibt es das Wissen von Menschen, die schon ganz lange im Geschäft sind, von denen man lernen kann. Denen mit Erfahrung zuzuhören, macht extrem Spass, auch wenn man sich dann seinen eigenen Weg gräbt. Und so ist es im Theater ja auch. Ein anderer Aspekt meiner Tischlerausbildung war der Klassenverbund. Von der Studienabbrecherin bis zum Hauptschüler war alles vertreten. Und das finde ich im Theater auch wichtig: Die Kunst der Versammlung, und zwar nicht nur innerhalb der Kunst-Bubble. Soziale Teilhabe heisst für mich gelebte Differenz: viele verschiedene Menschen mit spezifischen Hintergründen kommen zusammen und erzeugen einen Resonanzraum. Wir können alle wahnsinnig viel voneinander lernen.
Was tust du, um der Bubble zu entfliehen? Was ist dir wichtig, was macht dir Freude abseits des Theaters?
Beziehungen zu Freund*innen sind mir wichtig. Jetzt wohne ich zum Beispiel in einem wunderbaren Hausprojekt in Kriens, da kocht jeden Abend jemand anderes; ich wohne mit Familien zusammen, mit Kleinkindern. Ich mag die Gemeinschaft, dass man abends auch mal zusammen einen Film guckt und sich darüber austauscht. Und ich liebe Musik und singen, vor allem im Chor. Diese Erfahrung, dass da etwas erklingt, das grösser ist als man selbst – auch wieder eine Erfahrung von Resonanz. Ausserdem bewege ich mich gerne, finde das Hallenbad hier super oder gehe joggen. Ich bin gerne in der Natur und die ist hier in der Schweiz natürlich besonders einladend. Und viel mehr Zeit bleibt mir neben der Arbeit am Südpol auch gar nicht.
Für den Job bei uns bist du gerade erst von Berlin nach Kriens gezogen. Da liegt eine weitere Frisch-Frage nahe: Was tust du für Geld nicht?
Ich bin ja wegen der Kunst gekommen. Aber deine Frage impliziert die Frage nach meinem persönlichen Verhältnis zu Geld. Ich habe mir einen Lebensstil bewahrt, der immer noch einigermassen studentisch ist. Geld hat nicht so einen hohen Stellenwert in meinem Leben. Bisher habe ich es immer geschafft, so viel zu verdienen, wie ich benötige. In meinem bisherigen Berufsleben hatte ich das Privileg, mich immer aus inhaltlichen Gründen für oder gegen Jobs entscheiden zu können, meist weil ich etwas unbedingt machen wollte und trotz schlechter oder manchmal sogar prekärer Bezahlung.
Du hast dich also nie auf Jobs beworben, die deine Miete zahlen, für die du aber nicht brennst?
Generell gehe ich immer mit dem Blick der Neugier an Dinge heran. Mit der Erwartung und Hoffnung, dass ich da lernend rausgehe und mich das weiterbringt, ich daran wachse, es zu irgendetwas gut sein wird. Und ich betrachte das weniger selektiv als im Gesamtgefüge – konkret handhabe ich das gern nach dem Prinzip Standbein Spielbein: Das Standbein übernimmt die Aufgabe der Absicherung, damit man nicht nervös wird. Und das Spielbein ist dafür da, das zu machen, worauf man Bock hat, wofür man brennt, ohne auf den ökonomischen Input zu achten. Das eine ist die Kür, das andere die Pflicht. Die Frage für mich war also immer: Bin ich bereit, den Job für so wenig Geld zu machen? Mit dem Anspruch oder Ansatz, dass ich immer was dazulernen wollte, schlug das Pendel dann fast immer auf JA.
Gab es Zeiten, in denen du keine Standbein-Absicherung hattest?
Ich hatte nach dem Studium immer technische oder künstlerische Jobs für diverse Ensembles, die sich irgendwie ergeben haben. Nach drei, vier Jahren war ich so erschöpft, dass ich keine Anfragen mehr angenommen habe. Zufällig meldete sich dann ein Bekannter im Auftrag der Ruhrtriennale und auf diese Weise bin ich in den Bereich Produktionsleitung reingerutscht, was ich für mich bis dato neu war und später wegweisend für mich wurde. Tatsächlich habe ich oft erlebt, dass in bestimmten Momenten, Phasen des Umbruchs vielleicht, die Dinge zu mir gekommen sind. Mir zeigt es, dass Offenheit und Leere etwas unheimlich Kostbares ist. Wir stellen das viel zu selten her.
Im Theaterbetrieb hast du überall schon alles gemacht. Was kannst du nicht?
Wir reden jetzt nur über das Feld der performativen Künste und da sehe ich mich aufgrund meiner Vielseitigkeit tatsächlich als einen Universaldilettanten: Ich kann alles ein bisschen, aber nichts richtig. Kein Talent hab ich für den Bereich PR/Öffentlichkeitsarbeit. Diesbezüglich bin ich ziemlich ahnungslos. Ich hab keine Social Media Accounts und bin nicht mehr auf dem neuesten Stand, was popkulturelle Referenzen anbelangt. Ich kann meine Begeisterung teilen, im direkten Kontakt mit den Menschen, aber ich habe kein Wissen darüber, was gerade angesagt beispielsweise ist in Sachen Grafik. Aber es ist toll mit Menschen zusammenzuarbeiten, die sich darin richtig gut auskennen.
Was machst du am liebsten von all den Dingen, die du kannst?
Ich bin wirklich gern Gastgeber, fürs Publikum und für die Künstler*innen gleichermassen, denn was ist Gastgeber*innenschaft ohne Gäst*innen? Zugänglichkeit und Austausch sind mir besonders wichtig und generell gute Zuhörer*innenschaft für die Themen, die die künstlerischen Teams bewegen. Wie kann ich einen Rahmen schaffen, in dem sich möglichst viele verschiedene Menschen wohl und sicher fühlen? Hier habe ich nach meinen ersten Wochen das Gefühl, das Rad nicht neu erfinden zu müssen. Ganz im Gegenteil: die Rückmeldungen der Residenz-Künstler*innen über ihre Zeit im Südpol, ihr Ankommen, den Freiraum, den sie hier haben oder die räumlichen Möglichkeiten sind durchweg wertschätzend und positiv. Dazu habe ich selbst noch gar nichts beigetragen und ist der tollen Arbeit meiner Teamkolleginnen Annick Bosson und Florence Ruckstuhl zu verdanken. Insgesamt hat es bereits eine schöne Willkommenskultur, da passe ich ganz gut dazu.
Wenn du in 20 Jahren zurückblickst auf deine Zeit hier, was willst du erzählen?
Ich würde rückblickend gerne erzählen, dass wir innerhalb der lokalen Szene gute Verbindungen aufgebaut haben. Dass man als Haus präsent und offen war und die verschiedenen Menschen und Gruppen gerne hier gemeinsam Zeit verbracht haben. Dass es uns gelungen ist, auch künstlerische Impulse von aussen geholt zu haben und spannende, inspirierende Gastspiele gezeigt zu haben, deren Funken auf die lokale Szene übergesprungen sind. Und dass wir Netzwerke mit anderen Häusern aufgebaut haben, auch über Luzern hinaus. Wenn wir unser langfristiges Ziel erreicht haben, nämlich die Anpassung unserer Finanzierung an andere nationale Kulturhäuser, begründet durch ein vielschichtiges, relevantes künstlerisches Programm – dann wäre ich überaus zufrieden.