April 2026
März 2026
Februar 2026
Januar 2026
Dezember 2025
November 2025
Oktober 2025
September 2025
August 2025

«Es geht einfach weiter»: Im Gespräch mit Elvira H. Plüss und Ruth Oswalt
Es wird gemunkelt, dass FLÜGEL AM FUSS die letzte Produktion von Theater Lilith sein wird. Stimmt das?
Elvira: Das weiss man nie. Wir möchten es einfach nicht schreiben.
Ruth: Man könnte aber schreiben es ist «vielleicht» oder «wahrscheinlich» unsere letzte Produktion.
Elvira: Also für mich ist es schon so, dass ich keine Produktion mehr ganz allein auf die Beine stellen will. Das alles von der Pike auf ins Rollen zu bringen, das werde ich wohl kaum mehr machen. Aber das muss man ja nicht unbedingt schreiben, dass es das «allerletzte» Mal ist. Wer weiss, vielleicht ergibt sich irgendeine neue Verbindung. Ich habe kein neues Projekt im Köcher, aber ich schliesse auch nicht aus, dass sich vielleicht ein neues ergibt.
Ruth: Ich hätte nicht gedacht, dass ich mit achtzig noch auf der Bühne stehe. Ich weiss nicht, ob mich noch jemand fragt.
Wann war denn die erste Produktion? Wie ist Theater Lilith entstanden?
Elvira: Etwa vor zwanzig Jahren in Zürich. Die erste Produktion hiess «Transit». «Flügel am Fuss» ist quasi die Fortsetzung davon. Wir waren kurz vor fünfzig und Annelie Schönfeld hat damals gesagt: Wir machen jetzt ein Stück über uns Frauen in den Wechseljahren. Das haben wir dann selbst geschrieben und jetzt zwanzig Jahre später hatte ich Lust, davon zu erzählen, was mit uns Frauen im letzten Viertel des Lebens ist.
Ruth: Aber jetzt im Stück geht es nicht mehr ausschliesslich nur um Frauen, sondern allgemein um Menschen im Alter. Den Männern geht’s ja auch nicht besser als uns. Es geht mehr um die Probleme am Ende des Lebens. Dass es jetzt bald fertig ist.
Ihr seid also als Frauenteam gestartet. Wie hat sich die Gruppenkonstellation im Laufe der Jahre geändert?
Elvira: Ich war die beständige Eiche und habe die Gruppe nach Luzern gebracht. Damals habe ich beispielsweise «Kronenhaufen» selbst geschrieben und im Südpol aufgeführt und so diesen Verein und diesen Namen weitergetragen, aber in einer völlig neuen Konstellation. Ich habe mir immer Leute zusammengesucht, die zu meinen Projekten gepasst haben.
Wie hast du die Themen für die Stücke gefunden?
Elvira: Die haben mich gefunden. Die Verdingkinderthematik war in meiner Familie sehr präsent, da haben die Leute immer gesagt: Du musst ein Buch schreiben. Und dann habe ich ein Stück darüber geschrieben zu einer Problematik, die ein Teil davon war. Ich wehre mich immer dagegen zu sagen, es ist ein Stück über Verdingkinder. Denn für mich ging es eigentlich darum: Was macht Isolation mit einem Menschen? Also wenn du ausgegrenzt wirst, gedemütigt wirst, was macht das mit dir? Das hat mich interessiert. Das ist brandgefährlich, irgendwann werden diese Menschen aufstehen und sich zur Wehr setzen.
In FLÜGEL AM FUSS geht es um die Herausforderungen und Befindlichkeiten des Alters. Wie hat dich dieses Thema gefunden?
Elvira: Ich wollte an «Transit» andocken, zwanzig Jahre später. Was ist jetzt mit uns Frauen, mit uns als Mensch? Damals ging es um das Dazwischen sein, zwischen dem Sein als junge begehrenswerte Frau und dann kommst du plötzlich in diese Krise. Aber nicht nur körperlich und mit dir selbst, sondern auch mit Kindern und Eltern. Das ist eine Phase im Leben, in der du sehr gefordert bist. Und dann dachte ich mir: Wo stehe ich jetzt, heute?
Wie seid ihr in die Stückentwicklung gestartet?
Elvira: Ich bin zusammen mit Silvia Planzer eingestiegen. Ich habe bisher immer alle Stücke allein geschrieben, aber diesmal wusste ich, dass ich das nicht alleine machen möchte. Dieses «vielleicht» letzte Stück. Und eigentlich war auch angedacht, dass wir das zusammen spielen, aber Silvia hatte dann noch andere Verpflichtungen und es wurde ihr zu viel.
Als es dann zum Proben auf die Bühne ging hattet ihr auch Coachings für Stimme und Bewegung. Warum?
Elvira: Wir haben da so eine Furzgeschichte im Stück. Die alten Leute, die pupsen manchmal einfach drauf los und wollen das eigentlich gar nicht. Und da haben wir an Isa Wiss gedacht, die so gut mit Tönen umgehen kann. Dann haben wir mit Isa ein bisschen Furzen geübt, stimmlich versteht sich. Und mit Irina Lorez haben wir einen kleinen Bewegungsablauf zu einem Lied gemacht. Das war mit beiden sehr spannend und bereichernd.
Ruth: Es war zwar nur kurz, aber ein wichtiger Input von aussen.
Was ist bei der «vielleicht» letzten Produktion anders als bei der ersten? Was macht ihr heute anders?
Elvira: Nichts. Ich wüsste gar nicht was. Vielleicht weiss ich heute ein bisschen besser, wie es geht.
Ruth: Ich bin sehr froh, dass ich immer noch auf der Bühne stehen darf. Das letzte Jahr war gesundheitlich sehr schwierig für mich, wenn ich nicht an diesem Stück hätte arbeiten können, ich glaube ich wäre versumpft. Das hat mir so Freude gemacht, das war echt meine Rettung. Ich hab in meinem Freundeskreis gesagt, ich weiss nicht, ob ich das schaffe. Ich schau jetzt mal und vielleicht muss ich dann irgendwann wieder aussteigen. Aber ich bin immer noch dabei. Und ich hoffe, dass die Freude, die ich jetzt beim Proben habe, zur Premiere nicht weggeht vor lauter Angst. Es ist noch viel toller, als ich es mir hätte erträumen können. Obwohl wir so viel gestritten haben. Als ich damals das Vorstadttheater in Basel mitgegründet habe, haben wir im Team auch viel gestritten. Aber das konnte man erst, wenn man sich gut kannte. Und jetzt sind wir wohl reif genug, dass wir wissen, es geht im Streit nicht um persönliche Dinge, sondern immer um die Sache.
Elvira: Was jetzt auch nicht war, war das ewige Zweifeln an uns als Personen. Das wird im Alter auch weniger.
Ruth: Das Zusammensein während den Proben habe ich so noch kaum erlebt, auf so eine offene und intensive Art. Das war für alle Beteiligten ein grosses Glück.
Im Stück geht es auch im Innehalten und Loslassen. Was sind eure Pläne für das Leben «danach», das Leben nach dem Theater? Wenn es das denn überhaupt gibt…
Elvira: Da hab ich mir auch schon Gedanken drüber gemacht. Ich dachte mir, ich geh jetzt in den Garten, gehe reiten, solange ich noch kann. Hab meinen Hund und gehe auf Reisen. Ich dachte, das könnte ich ja dann nach der Premiere ab April alles machen. Und jetzt war ich gestern bei einem Treffen mit meiner Band CHANSON GARAGE und jetzt steht da schon wieder ein Termin nach dem anderen an. Jetzt geht es da eigentlich nahtlos weiter. Und zwei kleine Filmgeschichten. Es geht einfach weiter. Es ist schlicht und ergreifend so: Je näher du dem Tod kommst, wenn Menschen um dich herum sterben und du erlebst, wie endlich das Leben ist, dann fängst du schon an dich zu fragen: Was will ich denn noch? In den paar wenigen Jahren, die ich hier auf dieser Erde noch sein darf, wenn ich Glück habe. Was ist essenziell wichtig für mich? Und das kann auch nicht Theater sein. Zum Beispiel einfach mit meinem Hund in den Wald gehen. Ich möchte gerne noch viel in der Natur sein und mir diese Welt anschauen. Im Theater bist du sehr mit dir selbst beschäftigt. Ich möchte einfach nur die Rigi sehen und den Himmel und die Wolken. Die Schönheit dieser Welt.
Ruth: Das Loslassen ist für mich schon sehr schwer. Jetzt habe ich achtzig Jahre lang gelebt, gopferdori. Für mich ist das Schönste, mit Menschen zu sein. Zufällig Leute treffen, auf einer Bank am Rhein sitzen und dann erzählt mir da jemand sein ganzes Leben. Ich bin einfach gerne mit Menschen und das möchte ich gerne noch lange geniessen, hoffentlich gesund.
Am 18. März ist Premiere von «FLÜGEL AM FUSS», weitere Vorstellungen sind am 20., 21. und 22. März.