Über das Einhändigsein
Vor ein paar Wochen erlitt ich eine Sehnenscheidenentzündung. Von meinem Besuch in der Arztpraxis erhoffte ich mir, drei Tage frei zu bekommen, damit ich mich ein wenig erholen kann. Die Ärztin zog die Augenbrauen hoch, als sie merkte, dass es mir dieser gewünschten Zeitspanne ernst war und hat mich prompt für zwei Wochen krankgeschrieben. Ohne Wenn und Aber. Keinen Klick auf der Computermaus, kein Tippen in die Tastatur, kein gar nichts. «Ruhen Sie sich einfach aus», sagte sie. Leicht gesagt.
Auch wenn ich jetzt auf dem Weg bin, wieder beidhändig zu werden, ist mir klar, wie schwierig es ist zu akzeptieren, dass Ruhe nötig ist, um eine Verletzung zu heilen. Und der Moment, in dem man am vorsichtigsten sein muss, ist, wenn es ein wenig besser zu werden scheint. Es wäre verlockend, zu denken: «Es geht mir ja besser, ich gehe einfach wieder in den Normalzustand zurück». Aber genau dann ist die Gefahr da, dass die Verletzung schlimmer oder gar chronisch werden kann.
Was wir im Südpol und viele andere Kulturschaffende im Moment machen, ist genau das: Wir arbeiten alle einhändig. Für eine Weile ist diese besondere Situation interessant. Wie arbeiten wir in dieser eingeschränkten Form? Welche alternativen Wege gibt es? Wohin führt uns diese neue Situation? Langfristig ist das Einhändigsein aber keine nachhaltige Lösung. Wird die verletzte Hand ignoriert, wird es schlimmer.
Wir wissen noch nicht ganz sicher, was die passende Therapie für den Südpol und andere kulturelle Institutionen sein könnte. Wie bei der verletzten Hand geht es in diesem Prozess ums Ausprobieren, Austesten und vorsichtig Anpassen. Im Moment denken wir, dass es ein guter Anfang für die Heilung wäre, wenn der Wert der Kultur und der Kunst für die Gesellschaft allgemein anerkannt würde. Dafür braucht es politische Unterstützung und öffentlich zugängliche Veranstaltungen, die an den Kontext und die Fördermechanismen des Kultur-Ökosystems angepasst sind. Wie der Rest des Heilungsprozesses aussehen wird, das finden wir im nächsten Jahr heraus. Vorerst lassen wir den Südpol erstmal ruhen.
Wir wünschen allen fröhliche Weihnachten und einen guten Rutsch!
Im Namen des Künstlerischen Gremiums
Vanessa Gerotto
Leitung Tanz und Performance