«Es hilft nichts, nicht ehrlich zu sein mit sich» – Q&A mit Nina Langensand von ultra
Nina Langensand ist – neben Orpheo Carcano, Thomas Köppel und Martin Bieri – Teil der Performancegruppe ultra. Von Luzern und Genf aus agiert ultra in Theaterstücken, Performances und Installationen an den Rändern des Stabilen. Nach der szenischen Soundscape Wind beschäftigt sich ultra erneut mit einem meteorologischen Phänomen: Den Wolken. Früher religiöses Symbol, Lieblingsgegenstand der Kunst, unerforschtes Gebiet und heute, als Cloud, Metapher der Auflösung des Menschen in der Technik: Wolken sind alles und nichts, sie sind unfassbar.
Im Zusammenhang mit dem Thema Work-Life-Balance der März-/Aprilausgabe unseres Programmheftes namens On Südpol wurde ein Interview mit Nina Langensand geführt, welches es hier zu lesen gibt:
Q: Was bedeutet dir deine/euch eure Arbeit?
A: Viel. Ich würde sagen alles. Auch wenn ich die Begriffe «alles», «nie» und «immer» eigentlich vermeiden möchte.
Q: Wo verläuft bei dir/euch die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit?
A: Ich habe überhaupt keine Ahnung, was Arbeit ist. Spätestens seit der ersten Schwangerschaft, aber auch schon früher im Leben, verstehe ich nicht, was als Arbeit gilt und was nicht. Ist es Arbeit, wenn ich Geld bekomme, für das, was ich tue, und ansonsten ist es – wie heisst das dann? Freizeit? Vergnügen? Hilfe? Leben? Es gibt vieles, das getan wird, das nicht gesehen wird, nicht entlöhnt wird und anderes wird entlöhnt, dessen Wert mir entgeht.
Q: Wie hältst du/haltet ihr diese Grenze ein?
A: Ich möchte gerne ein Leben lang Anfängerin sein, was aber nicht ausschliesst professioneller zu werden. Grenzen in Frage stellen, experimentieren. Einmal bin ich in Tränen zusammengebrochen während Filmarbeiten. Der Zeitpunkt war denkbar ungünstig. Es war gegen Ende des ersten Drehtags, meine erste Szene, das Team vom langen Tag müde, der Zeitplan bereits nicht eingehalten und dann bin ich so ineffizient. Ich wollte nicht mit glänzender Lippenpomade mit Aprikosengeschmack als Calvin Klein Model gestylt eine drogenkranke Frau spielen. Ich fühlte mich so professionell wie selten zuvor. Es hilft nichts, nicht ehrlich zu sein mit sich.
Q: Was machst du/macht ihr, um abzuschalten?
A: Velo.
Q: Hat dein/euer aktuelles Projekt deine/eure Work-Life-Balance beeinflusst? Inwiefern?
A: Die Grenzen einer Wolke sind nicht klar, unscharf. Sie franst aus. Das Schöne beim Produzieren von Wolken ist, dass wir etwas machen, nur um dem Gemachten wieder beim Verschwinden zuzuschauen. Wir sind im Roxy in Basel am Proben, die drei anderen Mitglieder von ultra sind zurzeit unterwegs und kaufen Material. Ich bin hier auf der Probebühne geblieben und geniesse die Ruhe und das Alleinsein. Ich lege mich jetzt dann einen Moment auf den Boden, bis sie wieder da sind.
Q: Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie steht es um deine/eure Work-Life-Balance?
A: Work-Life-Balance-Skala? Ich verstehe die Frage nicht.
Wolken war bei uns am 17., 19., 20. und 21. April 2018 in der Mittleren Halle zu sehen.