Eine Anleitung zum Aufstehen

Was ehemals als Theater angedacht war, wird nun Ende März statt vor Publikum vor einer Kamera gespielt. Das Kollektiv leerraum.offen befasst sich in seiner neuen Produktion mit aktuellen Gesellschaftsfragen zu Themen wie dem Klimawandel, der Flüchtlingskrise, der Zunahme von Verschwörungstheorien und was das alles mit DIR zu tun hat. Das Stück «#FolllowTheRevolution – Eine Anleitung zum Aufstehen» wird kurzerhand zum Theaterfilm über eine Revolution fürs Leben. Kamerafahrten werden ausgetüftelt, Szenen möglichst am Stück durchgespielt und auch von ein paar cinematischen Mitteln wird Gebrauch gemacht – «wenn wir schon einen Film machen», so der Regisseur und Mitgründer des Kollektivs leerraum.offen, Benjamin Pogonatos. Wir haben mit ihm über das Filmprojekt gesprochen, was ab April ein Stück Theatergefühl auf die Leinwand, auf euren Bildschirm und in euer Wohnzimmer bringen soll.

   

Ihr versteht euch als politisch waches Künstlerkollektiv. Tanz und Theater sind nicht nur eine Darbietung, sondern euer Weg, aktiv Einfluss auf die soziale Wirklichkeit zu nehmen. Siehst du darin die Verantwortung von Kunstschaffenden?

   

Im Moment gibt es so viele Themen, denen man nicht ausweichen kann, deshalb kann ich nicht nachvollziehen, wie man im Theater ‚nur‘ Unterhaltung machen kann. Ich sehe uns Theaterschaffende ähnlich wie Psychologen oder Philosophen. Wir setzen uns in unserer Arbeit mit dem Leben auseinander. Bei einer Kunstform, in der so vieles zusammenkommt, was den Menschen ausmacht, kommt man fast nicht drum rum, sich mit dem Leben zu befassen. Ich sehe es deshalb als unsere Verantwortung, auch wenn ich diese nicht allen Formen der Kunst und Kultur aufzwingen will.

   

Das Stück bietet viel Diskussionsstoff. Gab es während den Proben Auseinandersetzungen/ Unstimmigkeiten/ Meinungsverschiedenheiten, die ihr diskutiert habt?

   

Auch wir im Team kommen nicht immer auf einen gemeinsamen Nenner, weil jede*r etwas Anderes für sich als wichtig empfindet. Man merkt, wie unglaublich komplex das Konstrukt ist, in dem wir als Gesellschaft leben. Wir arbeiten, indem wir zusammen Proben und ins Blaue hinaus ausprobieren. Aus dieser Auseinandersetzung ist schlussendlich die Idee mit den Superheld*innen entstanden. Ohne die Proben und ohne die anderen Beteiligten wäre das Skript so nicht entstanden. Ich habe es nur in eine Form gebracht.

   

«Ein alles vernichtender Sturm bedroht Europia und spaltet die Gesellschaft in zwei Lager. In diejenigen welche den Sturm verhindern und diejenigen welche den Sturm nicht wahrhaben wollen.» Wenn man die heutige Situation anschaut gibt es aber nicht nur diese zwei Lager, sondern auch die in der Mitte. Übernimmt die Hauptfigur «Robyn» diese Rolle, in der viele von uns stecken?

   

Genau, Robyn steht symbolisch für uns. Für jene, die nicht extrem aktiv sind, sich aber doch Gedanken machen. Sie ist mittendrin und muss sich mit dem Ganzen auseinandersetzen. Sie macht sich Sorgen, lenkt sich aber mit streamen und ‚Soap-bingen‘ ab. Das ist etwas plakativ, bildet aber die aktuelle Lage gut ab. In Robyn steckt das Potential eine Person zu werden, die durch eine gewisse Situation aktiv wird und eine Revolution startet.

   

Ihr stellt teilweise umstrittene Errungenschaften unserer Gesellschaft wie zum Beispiel Alexa als Superheld*innen dar, die wiederum unsere Gesellschaft retten sollen. Ist das nicht paradox?

   

Es gibt Probleme und es gibt Verursacher. Nehmen wir Alexa als Beispiel. Sie steht in unserem Stück für die Digitalisierung und die künstliche Intelligenz, wovon behauptet wird, dass wir damit alle Probleme lösen werden – sogar den Welthunger. Natürlich gibt es mehr solche Aktuere, die genau dasselbe versprechen. So haben wir fünf Superheld*innen kreiert, die stellvertretend für Themen stehen, die die Welt bewegen, oder bewegen wollen. Unsere Frage ist aber: Was können wir dazu beitragen? Wir sollten nicht allen Versprechen vertrauen, die gemacht werden.

   

«Superman wird nicht kommen, um die Welt zu retten…» Wie stark seht ihr das Stück «#FollowThe- Revolution – Eine Anleitung zum Aufstehen» als Appell?

   

Wir sehen es als unterhaltsamen Appell. Es gibt Probleme, die man als Einzelperson nicht lösen kann und trotzdem gibt es für jeden Menschen Handlungsspielräume, um aktiv zu werden. Wir haben es in der Schweiz sehr bequem und trotzdem fällt es uns extrem schwer zu handeln, obwohl man die Verantwortung nicht abgeben kann. Das gilt für jede*n. Wir müssen uns selber in Frage stellen und überlegen was wir tun können.

   

Viele Dinge, die wir mit unserem Handeln auslösen, betreffen uns nicht direkt und wir sehen deren Auswirkungen nicht. Das macht es schwieriger auf Dinge zu verzichten.

   

Man weiss, dass Fleischkonsum schlimm ist. Man weiss, dass der Kauf eines T-Shirts von H&M eigentlich ein Verbrechen ist. Warum kaufe ich es dann eigentlich? Es tut nicht weh, kein Fleisch zu essen, es tut auch nicht weh, Löcher im T-Shirt zu haben und kein Neues zu kaufen. Und doch ist es schwierig dem Reiz zu widerstehen. Zu wissen, dass man mitverantwortlich ist und sich immer wieder damit auseinanderzusetzen, rüttelt Etwas wach. Die Auseinandersetzung mit diesem Stück hat mich selbst sicherlich ein Stück weitergebracht. Ich habe gemerkt, dass es keinen Sinn macht, an einem Ort etwas ändern zu wollen, wo ich nichts ändern kann – das ist Energieverschwendung.

   

Momentan herrscht eine Art Vakuum in der Veranstaltungsbranche, alles ist ruhiger. Hat dies vielleicht auch Vorteile, dass euer Film in diesen Leerraum platzt?

   

Im Moment kommt man auch mit jemand Unbekannten auf eine Gesprächsebene, die vom Leben handelt. Das finde ich beeindruckend. Darum habe ich das Gefühl, dass man momentan offener ist. Es ist wie in der Werbung: Um so öfter man mit solchen Fragen konfrontiert wird, umso mehr wird man beeinflusst und macht sich Gedanken. Unser Beitrag ist die Kombination aus Film und Fragen. Und die werfen wir den Leuten an den Kopf.

  Die Filmpremiere findet am 17. Mai 2021 online statt. HIER gehts zur Veranstaltung.
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