Ein Versprechen löst sich ein
Schon die Situation im Frühjahr zwang viele Künstler*innen ihre Projekte abzusagen. Am Beispiel vom Tanz-Projekt Les Promises, das im letzten Februar im Südpol hätte stattfinden sollen, wird ersichtlich, was mit der Kultur geschieht, wenn die Bühnen geschlossen bleiben: Sie passiert trotzdem.
Am meisten tue es ihr leid, dass die Mädchen es verpasst haben, durch Europa zu reisen. Marion Zurbach hat ambivalente Gefühle, wenn sie über das Jahr der Pandemie spricht. Den jungen Frauen sei eine ganz besondere Erfahrung verwehrt geblieben, sagt die französische Choreographin im Gespräch. Sie stellte mit der Kompanie Unplush, einem Team aus Sozialarbeiter*innen, Anthropolog*innen und sechs Teenagerinnen 2019 das Projekt Les Promises auf die Beine. Dort wurden 16-Jährige eingeladen, ihre Erfahrungen mit ihrer Weiblichkeit und den strikten Regeln zu teilen, denen sie als Mädchen im Norden Marseilles unterworfen sind. Die jungen Frauen, die für das Projekt ausgewählt wurden, stammen allesamt aus dem Quartiers Nord, einem Marseiller Stadtteil, der für seine prekäre soziale Lage bekannt ist. In Form einer Tanzaufführung gab die Kompanie Unplush jenen eine Stimme, die aufgrund ihres sozialen Hintergrunds und ihres Geschlechts wenig Gehör in der Gesellschaft finden. Bis Ende 2019 wurde geprobt, dann war alles bereit für die Bühne.
Das nächste Kapitel der Geschichte ist bekannt. Die Pandemie machte Zurbach und ihrem Team einen Strich durch die Rechnung. Auch die Aufführung, die im Februar im Südpol geplant war, fiel ins Wasser. Les Promises steht damit exemplarisch dafür, was mit Tausenden von kulturellen Projekten im letzten Jahr geschah und wie Künstler*innen vor eine gigantische Herausforderung gestellt wurden.
Mit der Absage der Tour taten sich neue Möglichkeitsfelder im Online-Bereich hervor. Ein Team von Dokumentarfilmer*innen, das die Gruppe von Anfang an begleitet hatte, rückten in den Fokus und man entschied sich, Les Promises in einer filmischen Form weiterzuführen. Aus der Tanzaufführung wurde somit kurzerhand ein neues Projekt, dessen Prämisse aber weiterhin gleich lautete: Für die jungen Frauen sollte ein Ort geschaffen werden, in dem sie sich ausdrücken können. Mit den Arbeiten am Film blieb die Gruppe bestehen und rückte durch die besonderen Umstände gar noch näher zusammen. Bis heute treffen sie sich alle regelmässig und tauschen sich aus, helfen einander mit alltäglichen Belangen, von Hausaufgaben bis zum ersten Liebeskummer.
Ohne die Schwierigkeiten für Kulturschaffende in diesem Jahr wegreden zu wollen: Das Projekt von Marion Zurbach und der Kompanie Unplush macht Hoffnung und zeigt auf, dass Ideen, sind sie erst einmal in unseren Köpfen, ihren Weg an die Oberfläche finden können.
Das ursprüngliche Tanzstück Les Promises von der Kompanie Unplush wird voraussichtlich am 4. und 5. März 2021 in der Dampfzentrale in Bern zu sehen sein.