«Chillen bringt's!» – Q&A mit Oliver Roth
Oliver Roth ist ein Schweizer Künstler, der im Feld Performing Arts, zeitgenössichem Theater und Tanz arbeitet. Er war als Journalist, Kurator, Dramaturg, Performer und mehr tätig. Seit 2016 erarbeitet er eigene abendfüllende Performances, die soziale Konventionen in den Theaterraum stellen und durch super-persönliche Eingriffe und Änderungen den Blick auf Alltägliches verschieben. So etwa Me Time!, eine Produktion die vom Älterwerden und von (Frei-)Zeit handelt, bzw. davon, wie man diese verbringt und damit umgeht. Me Time! gehörte zu den Finalisten des PREMIO Nachwuchspreis für Theater und Tanz 2017.
Im Zusammenhang mit dem Thema Work-Life-Balance der März-/Aprilausgabe unseres Programmheftes namens On Südpol haben wir Oliver Roth interviewt. Das Resultat gibt es hier zu lesen:
Q: Was bedeutet dir deine/euch eure Arbeit?
A: Mit Arbeiten verbringt man einen mehr oder weniger grossen Teil seiner Lebenszeit. Wenn man einer Arbeit Vollzeit nachgeht, ist das wohl ca. 1/3 der Zeit, die einem im Leben zur Verfügung steht. Ich möchte diese Zeit möglichst angenehm verbringen, weshalb ich auch meine Arbeit irgendwie cool gestalten möchte. Ich arbeite sehr gerne. Was ich arbeite, hat viel mit meiner allgemeinen Zufriedenheit zu tun – deshalb mache ich wohl auch Kunst. Obwohl es mir deswegen nicht immer gut gehen muss. Macht das Sinn?
Q: Das macht Sinn. Wann geht es dir denn nicht gut? Was hat die / deine (?) Kunst damit zu tun?
A: Es kann dann schwierig werden, wenn man seine Kunst direkt mit seiner eigenen Person in Verbindung bringt. Was man macht, ist ja irgendwie immer nahe an einem dran als Mensch und das bringt dann eine gewisse Fragilität mit sich.
Q: Wo verläuft bei dir/euch die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit?
A: Es klingt ein bisschen altbacken, oder esoterisch, wenn man als Künstler arbeitet und ständig von allem inspiriert sein kann, aber tatsächlich existiert diese Grenze für mich nicht wirklich. Irgendjemand hat mal gesagt, «Ideen kennen keine Tageszeit». Deshalb kann es genauso wichtig sein, wenn ich meinem Sohn beim Spielen zuschaue, wie wenn ich Remo Bitzi vom Südpol Luzern eine E-Mail schreibe. Aber klar; auf der Couch liegen, fühlt sich objektiv gesehen weniger wie Arbeit an, als eine Budgetbesprechung. Das ist aber grundsätzlich nicht meine Denkweise, ich denke, alles fliesst.
Q: Wie hältst du/haltet ihr diese Grenze ein?
A: Ich glaube, dass diese Grenzen flüssig sind und darum nicht eingehalten werden können. Grenzen sind eine Erfindung der Moderne, die wir in unserem Denken überwinden sollten. Aber es ist beispielsweise gut, wenn man aus dem Proberaum kommt, um zu Mittag zu essen, mal kurz über etwas Anderes zu sprechen als über die soeben erledigte Arbeit. Das hat aber eher mit Energie, Konzentration, Pause machen, Themenwechsel zu tun, als mit Abgrenzung, denke ich.
Q: Was machst du/macht ihr, um abzuschalten?
A: Spazieren gehen ist super. Mit einem Kind Zeit verbringen auch. Sehr lange: online Battlefield 1 spielen. Spa, Thermalbad, Massage – alle diese Sachen (dazu gehören auch Besuche beim Coiffeur). Viele alkoholhaltige Drinks. Musik hören, ganz laut, wenn’s geht. Am allerbesten und einfachsten ist es, einfach nur dazusitzen, nichts zu tun und in die Leere zu starren. Tagträumen. Und Power Naps.
Q: Hat dein/euer aktuelles Projekt deine/eure Work-Life-Balance beeinflusst? Inwiefern?
A: Klar! Bei Me Time! geht es ja im Kern um Zeit und wie man diese verbringt und damit umgeht. Es war also von Anfang an ein wichtiger Bestandteil des Projekts darüber nachzudenken, wie ich und das Team die Zeit auf den Proben verbringen wollen. Und dazu gehörte, dass wir auf den Proben auch unsere jeweiligen Me Time! haben können, wir haben viel gespielt, viel rumprobiert, hatten alle diese Spielsachen auf den Proben. Das hat sich dann natürlich oft weitergezogen, so dass sich dieser spielerische Umgang aus dem Proberaum hinausgetragen hat, was ja aber ganz cool ist. Ich habe sehr viel über das Verhältnis von Arbeit und Zeit herausgefunden…
Q: DAS DA WÄRE? Pls share!
A: Ich habe viel zum Thema Entspannung und Effizienz recherchiert. Zum Beispiel wie produktiv Leere sein kann, dass in ruhigen Momenten mehr passiert, als während den lauten. Neuropsycholog_innen haben herausgefunden, wie aktiv unser Gehirn in Zuständen des Nichtstuns ist; beim Tagträumen zum Beispiel – es gibt einen sehr aktiven Stand by-Modus. Chillen bringt’s! Das habe ich viel mehr zu akzeptieren versucht und möchte ich auch in Me Time! dem Publikum teilweise erfahrbar machen.
Q: Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie steht es um deine/eure Work-Life-Balance?
A: Ein Freund von mir sagt bei solchen Fragen immer, «8 von 10». Ehm, ich glaube, die Balance ist tatsächlich not bad. Wenn ich zu viel arbeite und merke, dass das in Ineffizienz umschlägt, dann höre ich einfach auf zu arbeiten und bleibe stehen wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Wenn ich zu wenig zu tun habe, suche ich neue Sachen, wie ein fleissiges Eichhörnchen. You feel me! Die weniger coole Antwort wäre: Mal ist es viel zu viel, mal viel zu wenig Arbeit.
Q: Wie viel Arbeit hattest du heute? (Ob erledigt oder nicht!)
A: Ich könnte andauernd arbeiten – wie gesagt, die Grenzen sind nicht da. Deshalb kann ich nicht genau sagen, wie viel Arbeit ich heute habe. Dies Antworten hier waren eigentlich das einzige dringliche. Und ich müsste meine Grafik in den Druck schicken, aber das kann auch noch warten – ich entscheide ja selbst, wie viel Arbeit ich habe. Ich kann auch einfach aufhören zu arbeiten. Bei der Betreuung von meinem Sohn kann ich nicht einfach nichts machen, der muss gewickelt werden und hat Hunger.
Wir zeigten Me Time! am 15. und 16. März 2018 in der Mittleren Halle.