«Arbeit ist es nur an einem Punkt: An sich selbst» – Q&A mit Martin Kohlstedt

Mit Strom veröffentlichte Martin Kohlstedt im November 2017 – nach Tag (2012) und Nacht (2014) – sein drittes Album. Der Pianist und Komponist hegt dabei stets den Wunsch, mit seiner Musik – bei der gleichermassen Konzertflügel wie Elektronik zum Einsatz kommen – andere Orte zu erreichen. Er will Musik nicht als etwas Festgeschriebenes verstehen, sondern als etwas, das fortwährend verhandelt wird. In der März-/Aprilausgabe unseres Programmheftes namens On Südpol wurde Martin Kohlstedt zum Thema Work-Life-Balance interviewt:   Q: Was bedeutet dir deine/euch eure Arbeit? A: Zunächst ist wohl «Arbeit» das Wort, dass man schnellstens austauschen sollte, bevor man diesen Weg geht, sonst kommt man rein rechnerisch schnell darauf, dass man kaum anderes tut. Aber so ist es nun mal. Man lebt da für einen Gedanken, den man mit dem Gegenüber – dem Publikum als Resonanzkörper – voranbringt und trägt. Das führt zu einem eigentlich nicht erschöpflichen Energiekreislauf, auf dessen offene Variablen man wohl stets achten sollte. Arbeit ist es nur an einem Punkt: An sich selbst. Q: Wo verläuft bei dir/euch die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit? A: Nun ja, schaue ich in den Kofferraum meines Tourbusses beantwortet sich die Frage von selbst. Neben dem Live-Equipment liegen dort zwei Surfbretter, etwas zu Essen und Klamotten, darüber ein Bett. Alles in feinstem Chaos ineinander verwoben. Ein paar Regeln helfen, da nicht das Ziel vor Augen zu verlieren. Jeder Auftritt bekommt Off-Tage zum Urlaub-Machen angehängt, das Handy ist an gewissen Tagen einfach aus, Dinge die einen festhalten, gehören ausgelagert. Die Grenze verläuft noch vage, definiert sich immer mehr, aber wenn alles gut läuft, arbeite ich später noch einen Monat im Jahr. [Lacht] Q: Wie hältst du/haltet ihr diese Grenze ein? A: Steht ein Release, ein Album oder etwas Ähnliches an, ist das knallharte Arbeit, da kann man beschönigen, wie man will. Meine Grenze ziehe ich zwischen der Labelarbeit und dem Musiker – quasi jeder bekommt eine Hälfte des Gehirns. Ist auf der einen Seite das nötigste erledigt und das Risiko zu Scheitern wieder eingedämmt, kann endlich der «Künstler» wieder walten. Man muss einfach dieser künstlerischen Freiheit eine Art Plan gegenüberstellen und viel im Voraus simulieren, Inseln schaffen, die man nach und nach anfährt. Auf diesen Fahrten entsteht die grundlegende Freiheit, die man für sein Schaffen benötigt. Q: Was machst du/macht ihr, um abzuschalten? A: Klavier spielen. Q: Hat dein/euer aktuelles Projekt deine/eure Work-Life-Balance beeinflusst? Inwiefern? A: Absolut, es hat dazu geführt, dass man nicht mehr von diesen zwei Bereichen sprechen kann. Man arbeitet an sich selbst und lässt die Hüllen schutzlos fallen – in aller Öffentlichkeit – und wird für dieses Risiko von Mitstreiter_innen, Unterstützer_innen und lieben Menschen «ausgezahlt». Da ist alles miteinander verbunden. Das Wort Work-Life-Balance klingt für mich nach einem alten Buch von 2005. [Lächelt] Q: Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie steht es um deine/eure Work-Life-Balance? A: Würde ich mit aller Macht versuchen, diese Lebensbereiche zu trennen, wage ich zu behaupten, gerade bei der 6 angekommen zu sein – mit voller Fahrt voraus auf die 9.   Am 13. April 2018 war Kohlstedt bei uns im Club zu Gast.
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