Annina Polivka: Erst mal die Welt retten
Hätte Schauspielerin Annina Polivka unendlich viel Zeit, würde sie Krieg, Hunger und Aids bekämpfen. Oder einer Zimmerpflanze beim Wachsen zuschauen. Was sie sonst noch täte, erzählt sie im Interview. Am 06. September ist sie im Stück 07:60pm im Rahmen der Saisoneröffnung Bühne 2019 zu sehen.
Du warst eine der Gewinner*innen der diesjährigen Tankstelle Bühne. Gemeinsam mit Stoph Ruckli und Simon Hafner untersuchst du im Stück 07:60pm «Zeit». Was bedeutet dir Zeit?
Zeit ist abhängig von Wahrnehmung. Ich sah einmal einen Wecker, der eine Zeit zeigte, die es nicht gibt. Das fand ich faszinierend – Und diente als Inspiration zum Stück 07:60pm. Unser Umgang mit Zeit ist ziemlich spannend. Wir versuchen, der Zeit gerecht zu werden oder sie zu optimieren. Nur schon die Wortkombinationen die wir dafür finden: Zeit sparen, Zeit gewinnen, Zeit verlieren. Darin sehe ich viele Spielmöglichkeiten.
Der Mensch versucht, sich dieses Konstrukt «Zeit» irgendwie zu eigen zu machen, indem er eine Sprache dafür sucht.
Genau! Dabei gibt es auch natürliche Zeiteinheiten, wie z.B. die Zyklen von Ebbe und Flut, von Sonne und Mond und daraus abgeleitet die Monate. Aber eine Woche? Erfunden vom Menschen! Trotzdem rennen wir dem nach und versuchen eine Woche zu planen und zu kategorisieren.
Was tätest du selbst, wenn du plötzlich unendlich viel Zeit hättest?
Ich habe mich das oft gefragt und noch keine befriedigende Antwort gefunden. Es wäre nichts Angenehmes. Vielmehr stelle ich mir vor, dass alle anderen im gleichen Zeitkontinuum blieben und ich wäre als Einzige rausgefallen. Wie bei einem umgekehrten Vakuum, einer Implosion. Ich wünschte mir, dass es wieder 8 Uhr und alles normal wäre! In Diskussionen mit Freunden kamen so schöne Zeitvertreibe wie: Musik hören, lange Schlafen und viel Bücher lesen. Aber auf Dauer befriedigt das doch nicht! Hätte man unendlich viel Zeit, müsste man doch sinnvolle Dinge tun wie: die Welt retten, Aids heilen und den Hunger beenden. Und dann wäre ich irgendwann trotzdem wieder bei mir. Und müsste Musik hören, lange Schlafen und viel Bücher lesen.
Bedeutet für dich «unendlich viel Zeit», einen Moment immer zu haben, wie eine Explosion des Momentes?
Ja. Wie wenn du immer einen Orgasmus hättest. Das wäre so anstrengend! Es gibt doch diese Seifenblasen-Momente. Einen schönen Abend, draussen mit Freunden und du willst gar nicht, dass es endet. Aber würde das andauern, wäre es nichts Spezielles mehr.
Aber unendlich Zeit zu haben, heisst nicht unbedingt, dass ein Moment ewig hält. Vielmehr entfällt die Dringlichkeit.
Ich denke, alles wäre verlangsamt. Man könnte sich neben eine Zimmerpflanze setzen und ihr beim Wachsen zuschauen. Vielleicht müsste man mal Momo von Michael Ende fragen, was sie tun würde. Sie hat die Zeit und die grauen Business-Männer wollen sie. So wird Zeit als wertvolles Gut sichtbar.
Wann fällt jemand aus der Zeit?
Im Stück 07:60pm fällt meine Figur in dem Moment aus der Zeit, als sie merkt, sie kommt nicht mehr hinterher. Alle ihre Listen und Ansprüche von inner- und ausserhalb verschlingen sie. Nichts geht mehr. Wie ein rasender Stillstand. Aus der Zeit gefallen, ist man auch am ersten Moment am Morgen. Wenn man noch nicht genau weiss, wer man ist und wo und warum überhaupt. Das Loslösen von der Zeit geschieht auch dann, wenn man die Zeit vergisst – und den letzten Zug verpasst.
Unser Verhältnis zu Zeit verschiebt sich auch in der digitalen Welt. Wir tauchen ein und lassen uns treiben. Mit Augmented Reality, der Überlagerung von digitaler und realer Welt, hast du selbst beim Projekt Future Is Now an den Treibstoff Theatertagen in Basel experimentiert. Wie beeinflusst Digitalität Theater?
Spannend an Augmented Reality finde ich, dass man etwas in die reale Welt zaubern kann, was nicht hier ist. Zum Beispiel hier Mitten in diesen Park einen Elefanten hinstellen! Dieses Spiel mit Realität hat für mich einen theatralen Aspekt. Jeder Ort kann in eine Bühne verwandelt werden und es entstehen echte Emotionen. Setzt du dir beispielsweise eine VR-Brille auf und stehst virtuell auf einem Kirchturm, wird dir schwindlig. Du empfindest die gleichen Gefühle, wie wenn du wirklich in 100 Metern Höhe stehen würdest. Dass dein Körper dann dasselbe fühlt, wie wenn du in Wirklichkeit da oben stehen würdest, ist unglaublich faszinierend!
Das Projekt entfloh der klassischen Bühnensituation und wurde Off-stage mitten in der Stadt Basel inszeniert. An welchen Orten möchtest du selbst mal spielen?
Mir schwirrt so eine Idee im Kopf herum: Ein hyperrealistisches Wohnzimmer. Es soll kein echtes Wohnzimmer sein, aber es gäbe eine Blümchentapete und ein Sofa. Man könnte sich normal darin verhalten, aber irgendwas scheint bedrohlich, der Raum bewegt sich heimlich, zeigt in den Tapetenschichten seine Geschichte. Keine Ahnung, woher diese Spukidee kommt!
Welche Ideen möchtest du noch verwirklichen?
Ideen sind wie Samen, die gesäht wurden und plötzlich beginnen, zu spriessen. Vor Jahren besuchte ich eine Ausstellung in Frankreich von Sophie Calle. Dort kamen die Worte «Sans Soucis» vor, also ohne Sorgen. Mit diesen Worten wird mal was passieren. Aber vielleicht erst, wenn ich pensioniert bin.