On Südpol

«Ich möchte ehrliche Sachen machen»: Im Gespräch mit Savino Caruso

Mo, 08.06.2026

«raising flags» wird als Relaxed Performance gezeigt. Das ist nicht dein erstes inklusives, zugängliches Stück, das du machst. In deiner letzten Produktion «Vor dem Funken», einem aktivistischen Stück, hast du gemeinsam mit Lorena Müller auf der Bühne gestanden. Ihr performt in Lautsprache und Gebärdensprache, dazu gibt es eine hörende Co-Gebärdendolmetscherin im Publikum. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

 

Theater inklusiver zu machen ist ein Interesse von mir, das die letzten Jahre gewachsen ist. Bei «Vor dem Funken» ging es mir darum, dass das Stück nicht nur für gehörlose Menschen zugänglich ist, sondern auch, dass eine gehörlose Person auf der Bühne repräsentiert ist, dass sie sichtbar ist und dass nicht nur eine Gebärdendolmetschung drübergelegt wird. Ich hab letztes Jahr am auawirleben Theaterfestival in Bern einen Workshop zu Inklusion im Theater besucht. Da hatten wir jeden Morgen Unterricht in Gebärdensprache. Als ich gefragt wurde, ob ich mein Solo-Stück «Helden» nochmals spielen würde, dachte ich, das wäre eine gute Ausgangslage für eine Zusammenarbeit mit einer gehörlosen Person. Ich hatte Lust, gemeinsam mit Lorena, einer Deaf-Interpretin, die ich am AUA gesehen hatte, eine neue Version auszuprobieren in Kombination mit Gebärdensprache und ihr als Darstellerin auf der Bühne. Und dann haben wir den ursprünglichen Text gemeinsam überarbeitet und dabei ist rausgekommen, dass wir beide auf der Bühne in unserer Sprache performen und gleichzeitig übersetzen wir unsere jeweiligen Sprachen dann gegenseitig für das Publikum.

 

Konntest du damals schon Gebärdensprache? 

 

Nein, ich kann auch immer noch keine Gebärdensprache. Die Dialoge auf der Bühne, die haben wir zusammen geübt. Ich hab sie mir einfach angeeignet wie einen Text in einer Fremdsprache.

 

Und wie kam es zur Idee «raising flags» als Relaxed Performance zu zeigen? Hast du das Stück von Beginn an inklusiv konzipiert oder hat sich das auch aus einer Zusammenarbeit ergeben?

 

Ich glaube mich beschäftigt Inklusion auf verschiedenen Ebenen. Wenn ich zurückschaue, waren eigentlich alle meine Arbeiten auf irgendeine eine Art inklusiv. Dabei ist mir wichtig, dass ich meine Privilegien, die ich habe, auch nutze, um mit meiner künstlerischen Arbeit Dinge möglich zu machen. Weil es ja immer auch eine Möglichkeit ist, Geld zu organisieren und Leute zu bezahlen. Bei diesem Workshop beim AUA letztes Jahr habe ich auch Fini kennengelernt. Fini begleitet als Expert*in Relaxed Performances. Und weil ich das noch nie gemacht habe, dachte ich, das wäre doch jetzt ein guter Zeitpunkt, zusammen mit Fini das zu probieren. Es geht momentan auch gar nicht so darum, welchen Impact die Form jetzt auf den Inhalt des Stücks hat. Sondern eigentlich mehr um die Zugänglichkeit drumherum. Die Einlasssituation ist schon Teil der Inszenierung. Fini setzt Inklusionmassnahmen um und ist zum Beispiel Bezugsperson für Menschen, die schon früher in den Raum wollen, um sich mit der Bühnensituation vertraut zu machen oder Fragen zum Ablauf des Stücks haben.

 

Hinsichtlich sensorischer Reize wirst du sicherlich auch sensibler an die Arbeit rangehen als sonst, oder? 

 

Ja, diese vermeintliche Einschränkung in der Gestaltung macht aber auch kreativ. Das hat grundsätzlich mit meiner Arbeit zu tun. Mein Ziel ist nie eine fein geschliffene, fixfertige Theaterproduktion, die ich von A bis Z durchgeplant habe. Das kann ich auch gar nicht.

 

Du brauchst also immer auch eine Aufgabe von aussen?

 

Vielleicht, ja. Mich interessiert das Zusammenstellen von Perspektiven und die Raumöffnung für das, was uns als Team gerade beschäftig. Für mich beginnt der Theaterabend sowieso schon, wenn die Zuschauer*innen in den Bus steigen oder aufs Fahrrad und endet erst, wenn sie wieder im Bett liegen. Das, was auf der Bühne passiert, ist nur ein kleiner Teil dieses Abends, den wir beeinflussen. Mich interessiert, wie die Menschen zusammenkommen und wie wir uns öffnen können.

 

Die Zusammenarbeit mit den Menschen ist wichtiger als die Kunst auf der Bühne?

 

Dazu vielleicht ein Beispiel: Nach dem ersten Sharing zu «raising flags» haben Angelas Eltern auf arabisch Feedback gegeben. Da sassen 30 Leute dabei und haben nichts verstanden, aber alle haben zugehört. Zwischendurch haben Angela und Nabila ein bisschen übersetzt. Vielleicht ist es blöd das zu sagen, aber das hat mich sehr berührt und dafür mache ich glaube ich auch meine Arbeit. Was auf der Bühne zu machen, damit danach was passiert.

 

Du möchtest Menschen und Stimmen Raum geben. Ihnen eine Bühne geben und ausprobieren, was da passiert, beim gemeinsamen Tun. Das ist mutig, mit so einer Offenheit an Dinge heranzugehen, ohne zu wissen, was am Ende bei rumkommt. So gehst du offenbar auch die Inklusionsthematik an, ohne Berührungsängste.

 

Ängste habe ich trotzdem viele. Das klingt vielleicht jetzt alles total entspannt oder ungezwungen, aber ich bin nicht unbedingt locker mit dem. Es stresst mich schon auch. Ich merke schon, da kommt jetzt auch viel zusammen. Die Relaxed Performance ist etwas an dem wir arbeiten. Aber da gibt es ja auch noch ein Stück, das wir noch machen. Das Wichtigste dabei ist, dass wir ehrlich sind und schauen, was alles zusammenkommen kann und für was die Energie von allen im Team reicht. Dabei ist das oberste Ziel eben nicht einen perfekt inszenierten Theaterabend zu machen. Ich möchte ehrliche Sachen machen, die vielleicht auch auf einer anderen Ebene berühren, nicht aus der Perfektion heraus. Gleichzeitig berührt es mich auch einfach, wenn viele Menschen in einem Theater sitzen und einer Person zugucken, die etwas erzählt. Dass das in dieser Zeit, in der wir gerade leben immer noch passiert, ist für mich schon viel.

 

Warum ausgerechnet jetzt eine Relaxed Performance?

 

Weil Fini dabei ist und es in der Zentralschweiz noch nicht so viel Erfahrung damit gibt. Und wir wollen Leute ins Theater holen, die das nutzen können. Viele kennen das vielleicht auch noch gar nicht oder wissen noch gar nicht, dass ihnen das auch guttut. Stichwort Neurodivergenz. Ich kenne Menschen, die erst vor kurzem gemerkt haben, dass sie nach einem Theaterabend am nächsten Tag oft mit einem Neurokater aufwachen. Und es ist schon auch als Vorschlag für andere Theatermachende zu verstehen. Vieles wusste ich vorher auch nicht und jetzt in den Endproben werden wir auch noch einiges herausfinden. Deshalb ist mir wichtig, dass Fini auch sichtbar für alle ist, nicht nur für diejenigen, die Finis Begleitung in Anspruch nehmen. Damit man sieht, dass es das gibt.

 

Warum in Kombination mit einem politischen Stück?

 

Das Stück beschäftigt sich mit Fahnen als Teil nationalistischer Symbolik. Diese sind weich und hart zugleich. Nationalismus ist vielleicht sogar eine Grundvoraussetzung dafür, dass es überhaupt Kriege gibt. Und um Kriege zu verhindern, müssten wir als Gesellschaft nach aussen und nach innen sanft sein. Und das steckt für mich auch in der Form der Relaxed Performance, die Empathie, das Verständnis füreinander. Das hat sich so ergeben, das haben wir nicht gesucht. Und dann hat es plötzlich Sinn gemacht.

 

Hast du bei der Arbeit am Stück etwas Neues gelernt? Gab es eine Erkenntnis?

 

Vielleicht ist es noch zu früh dafür, das zu sagen, wir sind ja noch nicht fertig. Aber als ich Eli, die Technikerin, für die Zusammenarbeit angefragt habe, hat sie zu mir gesagt: Ist dir eigentlich schon mal aufgefallen, dass ausser dir nur FINTA*-Personen im Team sind? Da ist mir zum ersten Mal aufgefallen, dass ich eigentlich immer in Teams mit überwiegend FINTA*-Personen gearbeitet habe.

 

War das immer beabsichtigt oder hat sich das ergeben?

 

Teams ergeben sich ja oft. Aber wenn ich Menschen für Zusammenarbeiten anfrage, schaue ich vor allem, dass ich mich wohl fühle und auch das Gefühl habe, dass sich alle Beteiligten wohlfühlen können. Das fällt mir mit FINTA*-Personen leichter. Das hat sich wahrscheinlich auch immer so ergeben, weil ich viele super FINTA*-Personen kenne. Dabei ist es schön auch immer wieder viel lernen zu dürfen. Gerade auch von Angela und Nabila, zum Beispiel über die politische Situation im arabischen Raum. Durch deren Zugang zu arabischen Informationen. Das ist etwas ganz Anderes als deutsche und englische Informationen. Das ist mir schon sehr eingefahren.